Chaostheorie und Theologie

Hans-Dieter Mutschler

 

Die Ordnung des Seins als metaphysische und – herabge­stuft – als physikalische Größe

 

Chaos und Ordnung werden als Gegensätze angesehen, seit es die Menschheit gibt. Mythen, Kosmogonien und auch die moderne Cha­os­theorie bewegen sich in dieser Spannung zwischen ‚Zufall und Notwen­digkeit’ oder eben ‚Chaos und Ordnung’. Die Art, wie diese Gegensätze des Näheren begriffen werden, ist aller­dings im Einzelnen sehr verschieden. Obwohl es Versuche gibt, die moder­ne wissenschaftliche Diskussion an an ältere, mythi­sche oder me­taphysische Weltbilder anzuschließen, ist doch Vor­sicht ge­boten, denn ein mythisches oder metaphysi­sches Weltbild wird nicht so sehr an objektivem Wissen in­teressiert sein, sondern mindestens ebensosehr die Frage nach der Stel­lung des Menschen in der Welt zu beantworten suchen.

In vielen Weltbildern dominieren einseitig Ordnungsvorstel­lun­gen. Das Sein beherrscht das Werden. Es wäre auch in der Tat sehr beruhigend, wenn dem Weltspiel ein präziser, un­ver­än­der­licher Plan zugrundeliegen würde, wenn alles Chaoti­sche bloßer Schein und glatte Oberfläche wäre. So hat man mit guten Gründen von einem ‚deterministischen Weltbild’ bei Ari­stoteles gesprochen. Aristoteles kennt zwar keine Naturge­setze im Sinn der Moderne, aber er ist davon überzeugt, daß alle Prozesse in der Natur klar auf ein Gut ausge­rich­tet sind und was es an Dysfunk­tio­nalem, Leiden, Tod, Verderben oder auch nur an Zufälligem gibt, war für ihn nur eine Se­kun­där­wirkung des materiel­len Prinzips, das am Fuße der ‚scala na­turae’ dominier­te. Oben, im Geist, oder was für ihn auf das­selbe hinauslief, im Weltall, herr­schte Notwendigkeit.

Womöglich noch radikaler war Leibniz. Seine Philosophie ist das durchgeführte anti-Chaos. Wenn nach seiner Lehre die Na­tur­­mo­naden bis ins Unendliche hinein ausdifferenziert sind, so besagt dies, daß es ernstlich keinen Zufall in der Natur geben kann. Eine durch­geführte “ma­thesis universalis” würde alles bis ins Klein­ste begreifen und als vernünftig und ge­rechtfer­tigt be­urteilen.

Der Vernunftoptimismus der Antike oder dieser noch radikalere der Aufklärung ist uns gründlich vergangen. Die Welt sieht nicht so aus, als sei sie die “beste aller möglichen”, aber die Sehn­sucht nach Ordnung hat sich deshalb nicht verflüch­tigt, son­dern lebt in unserem wissenschaftlichen Bemühen weiter, die Welt berechenbar, handhabbar und vorhersehbar zu machen.

Obwohl die Natur, lebensweltlich gesehen, mindestens ebenso viele chaotische wie geordnete Seiten zeigt, hat sich die mo­derne Physik seit der Neuzeit einseitig auf das Geordnete, Determinier­te geworfen und – man muß schon sagen – alles übrige ausge­blen­­det und verdrängt.

Man kann die Suche nach einer ewigen, unveränderlichen Welt­ordnung mit den Mitteln der modernen Physik als ein Nachwir­ken der antiken Seinsmetaphysik interpretieren und es ist wohl kein Zufall, dass moderne Physiker wie Planck, Einstein oder Heisenberg ganz bewusst auf Platonische Vorstellungen zurück­griffen. (Max Planck: Vorträge und Erinnerungen, Darm­stadt 51983 (= 11933); Einstein, Albert: Mein Weltbild, Stutt­gart 1953; Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze, Mün­chen 1973) Ein solcher Platonismus entzündet sich übrigens beständig neu. Heute wird er z.B. von Roger Penrose vertre­ten. (Penrose, Roger (1995): Schatten des Geistes. Wege zu ei­ner neuen Physik des Bewußtseins, Heidelberg).

Freilich hat dieser moderne Platonismus mit dem antiken nur den Namen und die Grundvorstellung gemein, dass dem ste­ten Werden der Natur ein Gleichbleibendes zugrunde liegen müs­se. Die Differenz zwischen dem antiken und dem mo­dernen, szienti­fisch eingefärbten, Platonis­mus liegt aber darin, dass der antike Plato­nis­mus handlungs­leitend war, der moderne es je­doch nicht mehr ist. Die höchste Idee, die ‚Idee des Gu­ten’, war bei Plato zugleich Quelle aller Normen im ethischen oder juridischen Sinne.

Wenn aber Planck oder Einstein von einer ‚Weltordnung’ spre­chen, dann denken sie nur noch an eine mathematisch be­schreib­­bare Ord­nung, wie sie sich in gewissen abstrakten Erhaltungssätzen oder Symmetrie­prinzipien ausdrückt. Diese Ordnung steht gleichwohl für das Bleibende in der Flucht der Er­schei­nungen.

Mit diesem Programm hatte die Physik zunächst einmal unglaub­lichen Erfolg. Ein Meilenstein in ihrer Entwicklung war si­cher die Entdeckung der Keplerschen Planetengesetze und ihre Ableitung aus den Newtonschen Axiomen.

Das Wort ‚Planet’ kommt von griechisch ‚planasthai’ und be­zeich­net einen Irrläufer. Während sonst alle Gestirne einen regel­haften Ablauf zeigen, schienen die Planeten wahllos um­herzu­ir­ren. Es war ein Triumph des menschlichen Geistes, als gezeigt werden konnte, dass dieses Umherirren bloßer Schein war und dass auch die Plane­ten­be­­wegungen strengen und einfa­chen Gesetzen genügen.

Man kann die Entwicklung der Physik bis hin zur Relativitäts­theo­rie Einsteins als den Versuch ansehen, Kontingenz in der Natur zu reduzieren und alles Regellose auf Regel und Kon­stanz zurückzuführen.

Die Quantentheorie war der erste radikale Bruch in diesem Pro­­gramm, weil sich hier zeigte, dass es echten Indetermi­nis­mus im Mikrophysikalischen gibt. Der Widerstand von Planck und Ein­stein gegen die Quantentheorie erklärt sich aus ihrem Fest­halten an einer traditionellen Metaphysik des Seins.

Wissenschaftler, die weniger aufs Theoretische als aufs Prak­tische ausgerichtet waren, hatten einen weiteren Grund, wes­halb sie am Determinismus festhielten: je unverbrüchlicher die Gesetze der Natur waren, umso eher ließen sie sich tech­nisch ausbeuten. Eine ‚unberechenbare’ Natur setzt unserem Manipulationsdrang Grenzen.

Der Indeterminismus der Quantentheorie war jedoch insofern noch harmlos, als dass er nur in Größenordnungen eine Rolle spielt, die für unsere technische Weltbewältigung gleich­gültig ist. Auch wenn die Quanten unvorhersehbar reagieren, so blieb doch der Mesokosmos, d.h. unsere Lebenswelt, unbe­rührt davon. Das hat sich erst mit der Entstehung der Chaos­theorie geändert.

 

Die Chaostheorie

 

Wie bereits erwähnt, hat die Chaostheorie zu allerhand über­schwänglichen Spekulationen geführt, die nicht nur auf die Populärwissenschaft beschränkt blieben. Wenn eine Monatszeit­schrift wie “GEO” ein recht überschwänglich geratenes Heft über “Chaos und Kreativität” herausbringt oder ein Wissen­schafts­journalist wie James Gleick die Chaostheorie zur Welt­anschau­ung hochstilisiert (GEO Nr.3/83402 (Nov.1993): Chaos und Kreativität; Gleick, James (1988): Chaos - die Ordnung des Universums, Mün­chen), dann mag man dies verständlich fin­den. Aber die Ausweitung der Chaostheorie zur Weltanschauung hat längst ganz ‚seriöse’ Wissenschaftler erfaßt.

Die 115.Versammlung “Deutscher Naturforscher und Ärzte” von 1988 in Freiburg fand statt zum Thema “Ordnung und Chaos in der belebten und unbelebten Natur”. Der von Wolfgang Gerok herausgegebene Dokumentationsband bestätigt, daß der Chaos­begriff auch unter ‚seriösen’ Wissenschaftlern zur beliebigen Spielmarke wurde, die man, völlig unabhängig von ihrer mathe­matischen Definition und ihren quantitativen Implikationen, glaubt in ganz unterschied­li­chen Gebieten anwenden zu können. (Gerok, Wolfgang (Hg.) (21990): Ordnung und Chaos in der belebten und unbelebten Natur, Stuttgart). Von hier aus ist der Weg zu ideologischen Machwerken der Psycho- und Esoterik­szene leider fließend. (Vgl. z.B. Wolinsky, Stephen: Das Tao des Chaos: Quanten­bewußtsein und das Enneagramm, Freiburg 1996)

Man orientiert sich aber besser an ernsthafterer Literatur: Eine nicht zu technische, gute Einführung in die Chaostheorie stammt von H.G.Schuster, eine sowohl physikalisch als auch philosophisch verlässliche Darstellung von Th.Leiber (Schu­ster, H.G. (1994): Deterministisches Chaos, Weinheim; Leiber, Theodor (1996): Kosmos, Kausalität und Chaos, Würzburg).

In solchen Werken findet man ausführliche Darstellungen. Zum wissenschaftlichen Gehalt der Chaostheorie in Kürze hier nur so viel:

Das Entstehen der physikalischen Chaostheorie in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurde präludiert von Überle­gun­gen von Mathematikern wie Henri Poincaré, der hundert Jahre frü­her gezeigt hatte, dass die Planetenbahnen nicht notwendiger­weise stabil sind. Dies waren zunächst die theoretischen Re­fle­xionen eines Stubengelehrten, die nicht die Resonanz fan­den, die ihnen gebührte, aber die eigentliche Ursache für die mangelnde Resonanz, gemessen am revolutionären Charakter die­ser Überlegungen, lag wohl darin, dass niemand Interesse hat­te, von deterministischen Vorstel­lun­gen in einem Bereich ab­zu­rücken, der ja gerade ein Feld des Trimphes für die deter­mi­ni­stische Konzeption war.

Wie sehr auch praktische Hinter­grund­überzeugungen eine wich­tige Rolle beim Entstehen der Chaostheorie spielten, zeigen die Überlegungen, die Edward Lorenz in den sechziger Jahren anstellte, um das Wetter in den Griff zu bekommen.

Damals gab die Amerikanische Regierung viel Geld aus, um die Wetterprognose bzw. die Beherrschung des Wetters auf eine wis­senschaftliche Grundlage zu stellen, d.h. diese frühen Untersuchungen zum ‚deterministischen Chaos’ standen von vornherein unter dem zweckrationalen Anspruch, die wis­sen­schaftsgestützte Beherrschung der Natur in einem Feld voran­zutreiben, das sich bislang als resistent erwiesen hatte. Lorenz arbeitete mit den ersten, noch sehr wenig leistungs­fähigen Computern, um verschiedene Wetterszenarien zu si­mu­lieren. Dabei entdeckte er das, was man später den ‚Schmet­terlingseffekt’ gennant hat, die Tatsache nämlich, dass sich bei nichtlinearen Systemen winzige Diffe­ren­zen in den An­fangs­bedingungen, also winzige Differenzen in der Ursachen­konstellation, gravierend verstärken können, so dass das Sy­stem schließlich unvorhersehbar reagiert.

Lorenz hielt diese Entdeckung zunächst für einen durch den Com­puter hervorgerufenen ‚Dreckeffekt’. Er konnte zunächst nicht glauben, dass ein System, das er aufgrund streng deter­ministischer Gesetze eingerichtet hatte, chaotisches Verhal­ten zeigen würde.

Tatsächlich können sich in nichtlinearen Systemen winzige Dif­ferenzen in den Anfangsbedingungen so hochverstärken, dass sie das System unvorhersehbar reagieren lassen. Da wir die An­fangsbedingungen niemals beliebig präzise festlegen können, hin­dert der deterministsche Charakter dieser Systeme nicht, dass sie ins Chaos abstürzen. Allerdings beschreibt die Cha­os­theorie nicht einen starren Gegensatz zwischen Ordnung und Chaos, sondern sie kann, mit Hilfe von sogenannten ‚Lya­puno­vexponenten’, ein präzises Maß der Chaotizität angeben. Mit Hilfe solcher Exponenten kann man also ausrechnen, wie in­ten­siv der chaotische Charakter eines Systems ist. In Bezug auf das Wetter würde man z.B. ausrechnen können, wie lange sich eini­ger­ma­ßen gesicherte Voraussagen machen lassen. Beim Wet­ter sind dies ungefähr zwei Tage. Alle längerfristigen Prog­nosen blei­ben willkürlich und werden es auch in Zukunft sein.

Aus dem Gesagten wird deutlich, dass auch die Chaostheorie, wie jede physikalische Theorie, in den “Funktionskreis des Instrumentellen Handelns” (Habermas) gehört. Sie beschreibt nicht das Chaos als solches, sondern bestimmt die Grenzen der Determination von innen, d.h. von ihrer Berechenbarkeit her und ist somit technisch anwendbar. Das Chaos der Chaostheorie hat also nichts mit dem ‚schöpferischen Chaos’ zu tun, das den Künstler zu seinem Werk inspiriert oder mit dem “Tao des Chaos”, das Wolinsky in der menschlichen Psyche suchte und allein aus diesem Grunde auch fand.

Nachdem man chaotisches Verhalten beim Wetter entdeckt hatte, entdeckte man es bald überall. Die Physiker hatten offenbar über Jahrhunderte unter einer selektiven Wahrnehmung gelit­ten, die sie veranlasste, so unverfängliche Phänomene wie tur­bulente Strömungen im Wasser oder in der Luft nicht ernst zu nehmen. Turbulente Strömungen im Zigarettenrauch ist ein gutes Beispiel für ‚deterministisches Chaos’. Doch die Physi­ker haben lange geglaubt, dass sich in solchen Phänomenen nichts Charakteristisches zeige.

Inzwischen konnte man chaotische Phänomene überall in der Na­tur nachweisen und keine physikalische Disziplin blieb von der neuentstandenen Theorie verschont. So lässt sich die Cha­ostheorie mit der Relativitätstheorie oder der Quantentheorie verbin­den, ja selbst im Bereich der durch die klassische Phy­sik beschrieben wird, gibt es chaotische Phänomene, so etwa beim ‚Dreikörperproblem’, wenn also z.B. nicht nur die Sonne mit je einem Planeten wechselwirkt, sondern wenn die Wir­kun­gen dreier Körper interferieren, was Poincaré, wie gesagt, schon vor 100 Jahren wußte.

Nicht nur in der Natur, auch in der Kultur fanden sich Bei­spiele von chaotischem Verhalten. So bei Börsenkursen, beim Verkehrsfluß auf Bundesautobahnen, in der Psychologie, Sozio­logie und in allen möglichen anderen Wissenschaften.

Dies zeigt, dass es sich bei der Chaostheorie nicht um eine Bereichstheorie handelt, wie die Quantentheorie oder Relati­vitäts­theorie, die im Kleinen oder Großen oder bei sehr gro­ßen Geschwindigkeiten gelten. Auch sagt die Chaostheorie nichts über irgendwelche fundamentalen Naturkräfte (sonst wäre sie nicht auf kulturelle Phänomene anwendbar).

Im Grunde bezieht sich die Chaostheorie auf alle Systeme, de­ren wesentliche Parameter quantifizierbar sind und die gewis­se abstrakte Eigenschaften aufweisen, wie sensitive Abhängig­keit von den Anfangsbedingungen, Mischungen der Bahnen im Zustandsraum, Existenz periodischer Punkte, die im Zu­stands­raum dicht liegen usw.

Alle Systeme, die solchen abstrakten, mathematisch definier­ten Bedingungen genügen, sind ‚chaotisch’ im Sinn der Theo­rie, ohne dass man festlegen muß, welche Kräfte in diesen Sy­stemen wirken und in welchen Gegenstandsbereich sie fallen. Es ist also mit der Chaostheorie so ähnlich wie mit der Ky­ber­netik. Die Kybernetik beschreibt Systeme, die eine ge­setz­lich geregelte Transformation von Input- in Outputgrößen auf­weisen, wobei diese Systeme Menschen, Affen, Bügel­eisen oder mathematische Gleichungen sein können. Das kyber­netische Sy­stem ist nur über bestimmte abstrakte Eigenschaf­ten defi­niert, die indifferent sind zu ihrer konkreten Reali­sation.

Von daher wäre es also nicht richtig zu sagen, wie man zuwei­len hört, dass die Chaostheorie die nächste Revolution in der Physik war, nach Relativitäts- und Quantentheorie. Sie liegt nicht auf derselben Ebene wie diese Theorieansätze.

Gleichwohl darf man erwarten, dass die Chaostheorie unser Na­turbild gravierend verändern wird, sollte dies nicht schon ge­­sche­hen sein. Die Existenz nichtlinearer, chaotischer Phä­no­mene impliziert nämlich eine prinzipielle Grenze der Bere­chenbarkeit und Manipulierbarkeit von Welt. Wenn das Pathos der Neuzeit seit Francis Bacon war, die Welt zu beherrschen, indem man ihre Gesetzlichkeit dazu instrumentalisierte, so hat dieses ihm zugeschriebene Prinzip “Wissen ist Macht” nun einen kräftigen Dämpfer erhalten. So wie das blutige Schei­tern des sozialistischen Experiments gezeigt hat, dass wir die Geschichte nicht im Griff haben, hat sich nun auch ge­zeigt, dass wir noch nicht einmal die Natur, jedenfalls nicht voll­ständig, beherrschen können.

Es scheint, dass dies schon jetzt zu einem Umschwung der Na­turauffassung führt, der epochalen Charakter haben könnte. In diesem Sinn sind Publikationen zu deuten, die schon im Titel von einem Übergang “Vom Sein zum Werden” spre­chen. (Prigo­gi­nge, Ilya (1979): Vom Sein zum Werden: Zeit und Kom­ple­xität in den Naturwissenschaften, München).

Wenn diese Redeweise auch etwas Emphatisches hat, so signali­siert sie doch, dass das Projekt, alles Werden auf eine star­re Seinsordnung zurückzuführen, gescheitert ist. Nachdem wir einmal darauf aufmerksam geworden sind, entdecken wir nun über­all in der Natur chaotische Phänomene, nichtvorhersehbare Symmetriebrüche und selbst der Zufall scheint zu einem schöp­ferischen Prinzip zu mutieren: bei einer besonderen Klasse von nichtlinearen Phänomenen kann es zu spontaner Struktur­ent­­ste­hung kommen, die oft durch nichtmanipulierbare, mikro­physika­lische Schwankungen angestoßen wird (Prinzip der ‚Selbst­orga­ni­sation’).

Natürlich ist es übertrieben, wenn hier manche Autoren von einer ‚schöpferischen Materie’ sprechen, so wie es über­trie­ben ist, zu behaupten, man könne jetzt erklären, wie “Ordnung aus Chaos, Vernunft aus Zufall” hervorgegangen sei (so der Anspruch von Klaus Schulten in Küppers, B.O. (Hg.): Ordnung aus dem Chaos, München 1987, S.243ff), aber solche populär­wis­senschaftlichen Spekulationen sig­nali­sieren doch eine ge­wisse Verschiebung in unserem Natur­bild. Hatten wir traditio­nel­lerweise geglaubt, die Natur sei zusam­mengehalten von ei­ner Art eisernem Gestänge der kausalen De­termi­nation, die ihr innerlichen Halt verleiht, so glauben wir heu­te, dass die Na­tur zwischen Ordnung und Chaos oszil­liert, eine Konzeption, die an alte metaphysische Vorstel­lun­gen er­innert, wo die kos­mologischen Kräfte von Liebe und Streit die Vielheit der Welt hervorbrachten (Empedokles).

In diesem Sinn hat der Physiker Paul Davies in seinem Buch über Chaostheorie zwei antagonistisch Kräfte im Weltall aus­machen wollen, eine zerstreuende, dominiert durch den zweiten Hauptsatz der Ther­modynamik (Entropiesatz) und eine sammeln­de, gestalterzeu­gende, wie sie sich in der Selbstorganisa­ti­onsdynamik der Ma­terie ausdrückt. Davies spricht von einem “pessimistischen” und einem “optimistischen Pfeil” im Uni­ver­sums. (Davies, Paul (1988): Prinzip Chaos. Die neue Ordnung des Kos­mos, München, S.35).

Allerdings sollte man beachten, dass solche anthropomorphen Redeweisen den physikalischen Sachverhalt überfrachten. Nach­dem wir von einer klassischen Metaphysik der sinndurchtränk­ten Welt­ordnung zu einer mathematisch berechenbaren, rein syn­­taktisch definierten Weltordnung übergegangen sind, haben wir keine Möglichkeiten mehr, Sinnperspektiven aus der Physik abzuleiten. Die Mathematisierung der Welt ist also mit einem Verlust an Sinndimensionen erkauft. So wie die ‚Idee des Gu­ten’ aus dem modernen physikalistischen Platonismus ent­wichen ist, so entlässt die moderne Physik keine handlungs­lei­tenden Normen mehr aus sich, auch nicht in ihrer Form als Chaos- oder Selbstorganisationstheorie.

 

Chaostheorie und Theologie

 

Es ist also Vorsicht geboten bei direkten Übergängen zwischen Chaostheorie und Theologie. An sich liegen diese beiden Dis­zi­plinen auf einer völlig verschiedenen Ebene. Sollte es Vergleichbarkeiten zwischen ihnen geben, dann nur über meta­physische Brückenprinzipien, die aber gesondert zu legitimie­ren wären und die keinesfalls analytisch in der Fachwissen­schaft enthalten sind.

Es wurde oben auf einen verbreiteten Platonismus verwiesen, der für viele Physiker einen metaphysischen Hintergrund ihres Forschens bildet. Freilich muß man sehen, dass solche meta­phy­si­schen Hintergrundannahmen keinen zwingenden Charakter ha­ben. Man muß kein Platoniker sein, um Physik zu treiben. Gleichwohl hat sich gezeigt, dass hier eine gewisse Wahl­ver­wandtschaft besteht. Wenn man der Überzeugung ist, dass es Aufgabe der Physik sei, das Bleibende im Wechsel der Er­schei­nungen herauszuheben, und wenn man dieses Bleibende als on­to­logischen Grund des sich Wandelnden interpretiert, dann legt sich ein physikalistischer Platonismus nahe.

Auf der Ebene solcher Interpretationen kann die Chaostheorie zu einem verändertet Wirklichkeitsverständnis führen. Wenn selbst deterministische Gesetze nicht hindern, dass physi­ka­lische Systeme ins Chaos abstürzen, wenn Chaos eine viel ver­breitetere Erscheinung in der Natur ist, als bisher angenom­men, wenn weiter nichtlineare Kraftverhältnisse zu spontaner Strukturenstehung führen können, die durch nichtantizipier­ba­re Zufälle angestoßen werden, dann legt sich ein verändertes Naturbild nahe, wonach Natur nicht so sehr die Instantiierung von ‚ewigen Gesetzen’ darstellt, sondern ein dynamisches, ge­schichtliches oder schöpferisches Werden, das zwischen Chaos und Ordnung oszilliert, um ‚Neues’ zu produzieren.

Es ist aber entscheidend darauf zu bestehen, dass auch eine solche Deutung in keiner Weise zwingend aus der physikali­schen Chaostheorie folgt. Aus keiner wie auch immer gearteten physikalischen Theorie folgt keine wie auch immer geartete Me­taphysik zwingend. Es ist ja gerade die Pointe und die Stär­ke moderner empirischer Wissenschaft, dass sie sich von solchen weltanschaulich-metaphysischen Rahmenbedingungen un­abhängig macht. Daher lässt sich auch keine materialistische Metaphysik aus ihr ableiten, wie dies z.B. Bernulf Kanit­schei­der versucht hat (Kanitscheider, Bernulf: Von der me­chanischen Welt zum krea­ti­ven Universum, Darmstadt 1993), allerdings auch keine spiritualistische, wie das Autoren wie Friedrich Cramer versuchen.

Cramer behauptet z.B., dass die “Selbstorganisation eine Grundeigenschaft der Ma­terie” sei, was bedeute, dass “jede Ma­terie a priori ideenträch­tig ist.” Selbstorganisation sei “das eigentliche metaphysische Element in einer naturwissen­schaftlichen Evolutionstheorie.” (Cramer, Friedrich: Chaos und Ordnung, Frankfurt 1993, S.229/30).

Man sieht: hier wird ein logisch zwingender Konnex zwischen einer modernen physikalischen Theorie und einer solchen Selbstorganisationsmetaphysik behauptet, die die Anwesenheit eines ideellen Prinzips in der Materie ‚beweisen’ soll.

Solche Äußerungen findet man öfters bei Physikern, wenn sie über Chaostheorie reflektieren. So behauptet z.B. auch der Züricher Astrophysiker Arnold Benz, dass sich die Naturwis­senschaft mittels Chaostheorie “den geistigen Werten genä­hert” habe. (Benz, Arnold: Die Zukunft des Universums. Zu­fall, Chaos, Gott? Düsseldorf 1997, S.137)

Solche Sirenengesänge hören die Theologen gerne. Nachdem die Naturwissenschaft 300 Jahre lang als ‚materialistische’ In­stanz gegolten hatte, scheint sie sich jetzt wieder ‚dem Geist’ oder ‚dem Ideellen’ zu nähern.

Tatsächlich hängen all diese Schlussfolgerungen in der Luft. Da der Begriff des ‚Geistes’ physikalisch nicht definiert ist, gibt es von der Physik her auch keine Möglichkeit, seine Präsenz dingfest zu machen. Gleichwohl sind solche Spekula­tionen bei Theologen sehr beliebt. (Für die evangelische Theo­logie z.B.: Daecke, Sigurd M. (Hg.): Na­turwissenschaft und Religion. Ein interdisziplinäres Ge­spräch, Mannheim 1933, S.207ff; für die katholische: Ganoczy, Alexandre: Chaos, Zu­fall, Schöpfungsglaube. Die Chaos­theorie als Herausforderung an die Theologie, Mainz 1995).

In Wahrheit lässt sich ohne die Vermittlung einer selbständi­gen, und daher begründungspflichtigen, Metaphysik die Brücke von der Chaostheorie zur Theologie nicht schlagen und man kann vielen Theologen den Vorwurf nicht ersparen, sich statt an einer ordentlichen Metaphysik an der bloßen Populärwis­sen­schaft zu orientieren. Auf diese Weise wird die Theologie un­se­riös.

Das Vertrackte ist allerdings, dass die Popularisatoren oft zugleich die bedeutenden Wissenschaftler, oder wie im Fall von Prigogine, zugleich Nobelpreisträger sind. Es ist für den Außenstehenden oft nicht leicht zu entscheiden, wo die Wis­sen­schaft aufhört und die Propaganda anfängt. Jedenfalls ist es die reine Propaganda, wenn Prigogine behauptet, die physi­kalische Selbstorganisationstheorie verfüge über Be­griffe wie “schöpferisches Werden”, “Geschichtlichkeit der Natur”, “ak­ti­ve Materie”, einen “Dialog mit der Natur” usw. (Prigogi­ne, J./ Stengers, J.: Dialog mit der Natur, München 1981)

Wenn es jedoch gelänge, solche Begriffe wie “schöpferisches Werden” oder einen “Dialog mit der Natur” philosophisch zu begründen, etwa auf die Art, wie dies Ch.S.Peirce oder A.N.Whitehead vorgeschlagen haben, dann ließen sich die Neu­entdeckungen der Chaostheorie in ein sol­ches Begriffsraster einordnen und mit einer Schöpfungstheolo­gie verbinden.

Man hat gegen die Idee einer starren Seinsordnung der Welt eingewandt, dass sie eigentlich nicht gut zum christlichen Schöpfungsbegriff passt. Ebenso widerstreitet die klassisch-physikalische Konzeption einer totaldeterminierten Welt dem christ­li­chen Ansatz, weshalb Physiker wie Einstein konse­quen­terweise die menschliche Freiheit und die Existenz eines per­sönlichen Gottes bestritten haben.

Die neuen Einsichten der Chaostheorie sind, unter der ge­nann­ten Einschränkung, theologisch viel leichter in ein Konzept

der ‚creatio continua’ einzuordnen. Die Beliebtheit der Cha­os­theorie bei den Theologen hat also auch ein fundamentum in re. Mit ihrer Hilfe läßt sich nämlich die Heilsgeschichte nicht nur auf die Evolution des Lebendigen, sondern bis hin­ein in die Kosmologie verlängern.