Regine Kather
William James, der ein bedeutender Vermittler zwischen angelsächsischer und kontinental-europäischer Geistesgeschichte werden sollte, wurde im Jahr 1842 in New York geboren[1]. Der Vater studierte intensiv die Schriften Swedenborgs; Philosophen wie Waldo Emerson und Henry David Thoreau waren Gäste im Hause James. Die vielseitigen Gespräche förderten nicht nur die Sprachbegabung von William, sondern auch die seines jüngeren Bruders Henry, der ein bekannter Schriftsteller wurde. Die Familie wechselte häufig ihren Wohnort, so daß William nicht nur in New York, sondern auch in Paris, London, Genf, Boulogne und Bonn zur Schule ging. Dies legte den Grundstein für seine kosmopolitische Haltung. Jede Form der Ungerechtigkeit und Unterdrückung von Individuen oder Völkern war ihm verhaßt. Zwar spürte James in späteren Jahren immer mehr, daß man irgendwo zu Hause sein muß, um die innere Sammlung zum schöpferischen Arbeiten zu behalten. Trotzdem bewahrte er sich eine hohe Sensibilität für die Stärken und Schwächen der unterschiedlichen Nationen.
Die Grundgedanken einer kosmopolitischen Haltung formulierte zum ersten Mal die stoische Philosophie vor etwa 2000 Jahren: Die verschiedenen Nationen sehen die Welt jeweils anders. Schon im Temperament unterscheiden sich Völker und Rassen oft tiefgehend. Geschichtliche Entwicklungen, klimatische und geographische Verhältnisse verstärken die Besonderheiten der Lebensgewohnheiten, Bräuche und religiösen Vorstellungen. Diese Verschiedenheit der Individuen und Völker drückt für die Stoiker den Reichtum der Welt aus. Die Erde wäre arm, wenn alle Nationen dieselbe Lebensweise hätten. Es würde der Anreiz fehlen, sich mit Neuem und Fremdem auseinanderzusetzen. Jenseits dieser Verschiedenheit sehen die Stoiker eine tiefe Verbundenheit aller Menschen. Der Logos, der sich in der Fähigkeit zu denken und zu sprechen ausdrückt, ist allen Menschen gemeinsam. Alle unterstehen denselben Gesetzen der Natur und des Kosmos, die sie miteinander verbinden[2]. Kein Mensch könnte abgetrennt von der Gemeinschaft der Menschen existieren; er gliche einem Zweig, der von einem Baum abgeschnitten wurde, wie die Stoiker nicht müde werden zu betonen. Das Wissen um die Gemeinsamkeit aller Menschen ermöglicht wirkliche Toleranz gegenüber ihrer Verschiedenheit. Einprägsam formulierte der römische Kaiser Marc Aurel, der von 121 bis 180 lebte, diesen Gedanken: „Staat und Vaterland ist für mich als Antoninus Rom, für mich als Mensch die Welt. Was diesen Staaten nun nützlich ist, das allein ist für mich gut.“[3]
Auch für William James entwickeln sich aus den verschiedenen Grundbedürfnissen von Menschen und Nationen unterschiedliche Lebensformen. Je nach den Verstandes- und Gemütsbedürfnissen sollte die größtmögliche Freiheit gewährt werden. Eine einzige philosophische Interpretation der Wirklichkeit kann unmöglich die Erfahrungen aller Menschen angemessen ausdrücken. Wie Leibniz[4] ist James der Überzeugung, daß jeder Mensch die Wirklichkeit unter einer anderen Perspektive sieht. Der Brennpunkt, um den herum er seine Erfahrungen mit der Welt sammelt, unterscheidet sich von der Sicht eines anderen Menschen. „Ich weiß, daß jeder von Ihnen, meine Damen und Herren, seine Philosophie hat und daß es das Interessanteste und Wichtigste an Ihnen ist, inwiefern diese Philosophie den Gesichtswinkel bestimmt, unter dem Sie Ihre verschiedenen Welten betrachten... Denn die Philosophie, die in jedem von uns von so großer Bedeutung ist, sie ist nichts fachmännisch Formulierbares. Sie ist vielmehr unser mehr oder weniger deutliches Gefühl von dem, was der ehrliche oder tiefe Sinn des Lebens ist. Sie ist nur zum Teil aus Büchern gewonnen. Sie ist unsere individuelle Art, das Stoßen und Drängen der Welt zu schauen und zu fühlen.“[5] Die Welt erscheint als ein ‚pluralistisches Universum’, als ein Universum, in dem sich die verschiedenen Sichtweisen begegnen[6]. „Versetzen Sie sich in das Zentrum der philosophischen Vision eines Menschen und Sie verstehen auf einmal all die verschiedenen Dinge, die es ihn schreiben oder sagen läßt. Aber halten Sie sich außerhalb,... versuchen Sie die Philosophie aus einzelnen Sätzen aufzubauen, indem Sie erst einen Satz und dann einen anderen nehmen und versuchen, sie ‚logisch’ zusammenzufügen, dann werden Sie natürlich fehlgehen. Sie kriechen darüber wie eine kurzsichtige Ameise über ein Gebäude, fallen in jeden mikroskopischen Riß oder Spalt, finden nichts außer Inkonsistenzen und hoffen niemals, daß ein Zentrum existiert.“[7]
Zu diesen unterschiedlichen Sichtweisen der Wirklichkeit gehören auch die von Natur- und Geisteswissenschaften, deren Spannung James in seiner eigenen Person austrug. Wie etwas später die Naturwissenschaftler A.N.Whitehead, A. Einstein, E.Schrödinger, W.Heisenberg, W.Pauli, N.Bohr oder C.F.von Weizsäcker suchte auch James nach ‚der anderen Seite der Wirklichkeit’’. Das 19.Jahrhundert war geprägt durch einen ungeheuren Optimismus in den Naturwissenschaften: Viele glaubten, daß sich letztlich alle Vorgänge in der Natur und im Menschen mit Hilfe der klassischen Physik erklären lassen würden. Es sei nur eine Frage der Zeit, so dachte man schon damals, bis dies gelingen würde. Noch Newton hatte die Grenzen des mechanistischen Weltbildes klar erkannt: Wer anders als Gott konnte die harten, ausgedehnten, undurchdringlichen, unteilbaren und beweglichen Atome schaffen, aus denen sich die sichtbare Welt aufbaut? Ist er nicht die letzte Ursache dafür, daß sich die Bewegungsenergie in der Welt über die Zeiten hinweg erhält? Zeugt nicht die wunderbare Gesetzmäßigkeit der Natur und der Lebewesen vom Sinn der Schöpfung? Doch das 19.Jahrhundert wollte davon nichts mehr wissen: Es bedarf, wie Pierre Simone de Laplace sagte, zur Erklärung der Weltmaschine keines Gottes; für Charles Darwin entwickelt sich die Vielzahl der Lebewesen ziellos durch zufällige Mutationen und durch Selektion aufgrund von glückender oder mißlingender Anpassung an die äußeren Umstände.
James war fasziniert von der naturwissenschaftlichen Methode: Nur noch die Aussagen über die Wirklichkeit gelten als wahr, die sich durch empirische Beobachtungen belegen lassen. Sogar Theorien, die logisch schlüssig sind, gelten als haltlos, wenn sie sich nicht auf Erfahrungen stützen. Als wirklich gilt nur, was naturwissenschaftlich nachweisbar ist. Diese Einstellung hat auch noch das 20.Jahrhundert nachhaltig geprägt.
Aber erschöpft sich darin ‚Wirklichkeit’? Läßt sich alles Fühlen und Denken, die persönliche Identität, vollständig auf körperliche Mechanismen reduzieren? Läßt sich aus Nervenerregungen das Bewußtsein ableiten?[8] Ist die Erfahrung Gottes unwirklich, eine bloße Illusion, ein Ausdruck kindlicher Wünsche, wie Ludwig Feuerbach und Sigmund Freud meinen?
James studierte zunächst Chemie, vergleichende Anatomie und Medizin. Der Biologe Louis Agassiz lud ihn ein, an einer Expedition in den Amazonas teilzunehmen, um naturgeschichtliche Studien zu treiben. Als James während der Reise erkrankte, wurde ihm bewußt, daß sein Lebensziel nicht im Sammeln einzelner Objekte, im Aufreihen von Fakten und Neuigkeiten bestand; das Bedürfnis, die tieferen Zusammenhänge zu verstehen, zu philosophieren, wurde in ihm wach. Trotzdem setzte er sein Medizinstudium in Harvard fort. In den Jahren 1867/ 68 ging er für 18 Monate nach Deutschland, um führende Wissenschaftler wie Virchow, Du Bois-Reymond, Wundt und Helmholtz selbst zu hören. Gleichzeitig vertiefte er sich in die deutschen Klassiker, studierte Hegel und Kant und traf mit Dilthey zusammen.
Im Jahr 1872 beginnt James in Harvard Physiologie und vergleichende Anatomie zu lehren und seit 1876 physiologische Psychologie. In Deutschland hatte er die Impulse für eine exakte, an den Naturwissenschaften orientierte Psychologie empfangen, die erforscht, wie Veränderungen in den Nerven bestimmte Bewußtseinszustände hervorrufen. Noch etwas vor Wundt in Deutschland richtet James ein erstes psychologisches Laboratorium ein. In zwölf Jahren konzentrierter Arbeit verfaßt er sein erstes Hauptwerk, ‚die Prinzipien der Psychologie’, das 1890 erscheint.
James erfuhr am eigenen Leibe die Möglichkeiten und Grenzen der positivistischen Wissenschaften. Sein Lebenswerk ist nicht nur Ausdruck rein theoretischer Erwägungen und Schlußfolgerungen. Seine Überlegungen zur Willensfreiheit, zum Bewußtsein oder zur Religion sind in eigenen, tiefen Erfahrungen verwurzelt. Sein ganzes Leben hindurch war James immer wieder körperlich krank und durchlitt tiefe seelische Krisen. In einer schweren Existenzkrise im Jahr 1870 wurden ihm die Abgründigkeit des eigenen Ich und die Grenzen des rationalen Denkens bewußt. Das Gefühl der Fruchtlosigkeit des Daseins löste schwere Depressionen aus, in denen mehr als einmal die Neigung zum Selbstmord aufkeimte. Dreißig Jahre später beschrieb James eine dieser erschütternden Erfahrungen in seinem Werk ‚Die Vielfalt religiöser Erfahrung’: „Als ich in dieser pessimistischen Stimmung war und so niedergeschlagen in die Zukunft sah, ging ich eines Abends im Zwielicht ins Ankleidezimmer, um mir etwas zu holen. Da überfiel mich plötzlich, ohne irgend ein voraufgegangenes Anzeichen, gerade als ob es aus dem Dunkel hervorkäme, ein furchtbares Entsetzen vor meinem eigenen Dasein. Zugleich stand vor meinem Geist das Bild eines Epileptikers, den ich in einem Asyl gesehen hatte, eines schwarzhaarigen Jünglings mit grünlicher Hautfarbe, der vollständig blödsinnig war und den ganzen Tag lang auf den Bänken oder vielmehr Brettern an der Wand zu sitzen pflegte, die Knie bis zum Kinn heraufgezogen und das grobe, graue Unterhemd, sein einziges Kleidungsstück, darüber gezogen, so daß seine ganze Gestalt davon umschlossen wurde... Dies Bild und meine Furcht verschmolzen mit einander; ich hatte das deutliche Gefühl: diese Gestalt zeigt dir deine eigene Zukunft. Alles, was ich bin und habe, kann mich nicht vor diesem Schicksal bewahren, wenn die Stunde für mich schlägt, wie sie für ihn geschlagen hat. Ich empfand solch Entsetzen vor ihm und die Überzeugung, daß meine Verschiedenheit von ihm nur eine augenblickliche sei, war so stark, daß der feste Boden unter mir zu wanken schien und ich zu einem Gebilde zitternder Furcht wurde. Von da ab war die Welt für mich eine andere geworden... Es war wie eine Offenbarung; und obgleich jene Empfindungen wieder aufhörten, habe ich doch seitdem Verständnis für die krankhaften Gefühle anderer gehabt... Ich erinnere mich, wie ich mich darüber wunderte, daß andere Menschen leben konnten, und daß ich selber gelebt hatte, ohne den Abgrund von Unsicherheit unter der Oberfläche des Lebens zu bemerken... Ich war immer der Ansicht, daß dieser Anfall eine religiöse Bedeutung hatte.“[9]
Die Bedrohlichkeit dieser Existenzkrise, die Angst, sich in dieser Halluzination zu verlieren, von ihr verschlungen zu werden, mobilisiert alle Kräfte in James. Gibt es einen freien Willen - obwohl die Naturwissenschaften lehren, daß die physiologischen Abläufe streng determiniert sind? Diese Frage hatte sich James immer wieder gestellt. In seiner schrecklichen Krise findet er eine Antwort: Offensichtlich gibt es einen freien Willen; er ist erfahrbar; und der erste Ausdruck menschlicher Freiheit besteht in einem Bewußtseinsakt. Er beruht auf dem Entschluß, vom freien Willen und den schöpferischen Möglichkeiten des Menschen auszugehen. Diese spontane Entscheidung läßt sich nicht mehr aus Abläufen im Nervensystem, im Gehirn oder aus sozialen Einflüssen ableiten. „Mein erster Akt des freien Willens soll sein, an den freien Willen zu glauben. Ich will mich bloßer Spekulation und kontemplativer Grübelei enthalten und das Gefühl der moralischen Freiheit pflegen... Nicht in Maximen, nicht in Anschauungen, sondern in gehäuften Akten des Denkens liegt die Rettung... Leben soll aufgebaut werden auf Handeln, Ertragen, Schaffen.“[10]
James erschien sein Entschluß, an seine eigenen Möglichkeiten zu glauben und sich nicht den Halluzinationen zu überlassen, die sich ihm aufdrängten, als Rettung. Die gedankliche Einstellung, mit der man eine Sache angeht, die Aufmerksamkeit, die man auf sie richtet, wirkt sich im Handeln aus. Der Weltenlauf ist weder durch einen göttlichen Willen noch durch eherne Naturgesetze vollkommen determiniert. Die vielen einzelnen Akte des täglichen Lebens können immer wieder neue Anfänge setzen. Sie führen neue, aus dem Vergangenen unableitbare Möglichkeiten in das Geschehen ein.
Aber was ist dieses ‚Ich’, das Entschlüsse faßt, will, fühlt, denkt oder träumt? Wen meinen wir eigentlich, wenn wir ‚Ich’ sagen? In den menschlichen Verhaltensweisen zeigt sich eine Zielstrebigkeit, die sich nicht mehr durch die Wirkung äußerer Kräfte erklären läßt. Umwege werden gesucht und verschiedene Mittel erprobt, um ein Hindernis zu überwinden und das Ziel zu erreichen. Dies deutet untrüglich auf Einsicht und Wahl, auf eine Spontaneität des Verhaltens hin. „Romeo sucht Julia wie der Eisenspan den Magnet; und wenn keine Hindernisse im Wege stehen, geht er genauso geradlinig auf sie zu wie der Span auf den Magnet. Aber wenn zwischen ihnen eine Wand errichtet wird, verharren Romeo und Julia nicht dabei, ihre Gesichter wie Verrückte gegen die Wand zu drücken, wie sich Magnet und Span gegen eine Karte drücken. Romeo findet bald einen Umweg“[11].
Derjenige, der ‚Ich’ sagt, weiß nicht nur von den Dingen um sich herum, sondern er weiß auch von sich, von seinen Gedanken, Gefühlen oder Träumen. Er ist sich seiner selbst bewußt. Dieses ‚Ich’ ist nicht starr und unveränderlich wie die Dinge im Raum; es gleicht nicht einer unbewegten Substanz, die im Körper wie in einer Schachtel eingeschlossen ist. Das, was wir sind, die persönliche Identität, bildet sich nicht durch die Summierung äußerer Reize und einzelner Erlebnisse. Die Einheit des ‚Ich’ durch seine wechselvolle Geschichte hindurch gleicht einem Strom. Dessen Bewegung entsteht auch nicht erst aus der Summe der einzelnen Wassertropfen; unablässig folgt eine Welle der nächsten. Das ‚Ich’ ist unaufhörlich tätig. Es integriert die vielen einzelnen Gedanken, Gefühle und sinnlichen Eindrücke zur Einheit der Erfahrung. Es selbst ist allerdings keiner dieser Gedanken oder Eindrücke.
Durch die fortlaufende Integration der Erlebnisse bildet sich allmählich die unverwechselbare Perspektive, unter der ein Mensch die Welt wahrnimmt. James unterscheidet verschiedene Funktionen des ‚Ich’, die sich wie Schalen einer Zwiebel umeinander lagern: Materielles, soziales und geistiges Ich sind ineinander verschränkt. Das materielle Ich besteht aus dem Leib sowie allen leiblichen Bedürfnissen und den Dingen, die zu ihrer Befriedigung dienen. Kleidung und Nahrung zählen ebenso dazu wie die Wohnung, in der man lebt und die nähere Umgebung. Das soziale Ich besteht aus den Bildern, die man von sich hat. Und es bildet sich aus den Erwartungen, die andere an einen stellen.
Nur das geistige Ich ist jenes innere Zentrum des Bewußtseins, das urteilt, wertet, wählt und die Erlebnisse integriert. Es ist der Bewußtseinsstrom mit all seinen Möglichkeiten und Aktivitäten. Durch ihn dauert die persönliche Identität auch während der Phasen des Schlafes oder der Ohnmacht. Wenn wir aus einem tiefen Schlaf oder einer Betäubung erwachen, erkennen wir uns dennoch wieder. Selbst über die Spanne der Jahre hinweg, den Wandel der äußeren Umstände, der Veränderung der sozialen Stellung, des Freundeskreises und der eigenen Ansichten, weiß man sich als derselbe Mensch.
Das ‚Ich’ kann durch die Messung der Gehirnfunktionen nicht empirisch nachgewiesen werden; und es kann sich selbst nicht wie einen Gegenstand anschauen. Gerade daß es sich betrachtet, kann es nicht mehr sehen. Und doch erfahren wir es in der Einheit unseres Erlebens im Wandel der Zeit. Die integrierende Tätigkeit des Ich ist für James eine Lücke im naturwissenschaftlichen Weltbild.
Obwohl alle psychischen Funktionen in leiblichen Prozessen verankert sind, kann man das Bewußtsein nicht aus ihnen ableiten. Die Frage, was das ‚Ich’ ist, führt James an die Grenzen der Naturwissenschaft. Dabei hatte er nur deren Anspruch ganz ernst genommen: Er studierte das, was erfahrbar ist. Erfahrbar ist allerdings nicht nur, was wir mit den Sinnen und in Raum und Zeit wahrnehmen. Genauso wirklich ist die Erfahrung des freien Willens, des Ich, des Unbewußten und religiöser Zustände. Vorurteilsfrei und unabhängig von religiösen Dogmen oder weltanschaulichen Vorentscheidungen muß man das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen betrachten. Die Phänomene, die die Naturwissenschaften untersuchen, bilden nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Nichts berechtigt zu der Annahme, daß nur sie wirklich sind, während innere Erfahrungen unwirklich sind. Es ist in hohem Maße unwissenschaftlich, ganze Bereiche der Erfahrung einfach auszublenden. So wendet James die wissenschaftliche Methode gegen ihre eigene Verengung: Sein Pragmatismus kritisiert mit Hilfe empirischer Befunde den wissenschaftlichen Materialismus.
Im Jahr 1888 heiratet James die Lehrerin Alice Gibbens. 1889 erkrankt James und reist nach Europa, um sich in der Schweiz zu erholen. Stattdessen nimmt er am 1.internationalen Psychologenkongreß in Paris teil und kehrt angeregt nach Amerika zurück. Im Sommer 1892 reist er mit seiner Familie in den Schwarzwald und in die Schweiz, um sich ein ‚Sabbathjahr’ zu gönnen. Den Winter verbringt er in Florenz und läßt sich durch die italienische Malerei inspirieren und kehrt im Herbst 1893 nach Amerika zurück.
Nun beginnt eine neue Lebensphase: James hatte sein erstes großes Werk, die ‚Prinzipien der Psychologie’ nach zwölf Jahren intensiver Arbeit endlich abgeschlossen. Sein Aufenthalt in Europa brachte den nötigen inneren Abstand. Der Interessenschwerpunkt verlagerte sich immer mehr auf Philosophie und Religion, so daß er in Harvard von nun an bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1907 eine Professur für Philosophie innehatte. Wiederholt hält James Vorlesungen in seinem lebendigem und persönlichem Stil an verschiedenen Universitäten in Amerika und England. In Bad Nauheim, der Schweiz und in Rom sucht er Genesung von einem schweren Herzleiden. Währenddessen beschäftigt er sich mit äußerster Disziplin mit den Biographien von Heiligen und deren religiösen Erfahrungen. Die Früchte dieser Arbeit sind die Gifford-Vorlesungen, die er in Edinburgh in den Jahren 1901 und 1902 hält. Der große Erfolg dieser ‚Lectures’ trägt seinen Namen in protestantische und katholische Kreise. Schon 1904 erscheinen die Gifford-Vorlesungen als ein umfangreiches und in brillianter Prosa verfaßtes Werk mit dem Titel ‚Die Vielfalt religiöser Erfahrung’.
Wieder geht James wie die Naturwissenschaften von Beobachtungen aus. Gerade dadurch erschließt er einen neuen, gänzlich unorthodoxen Zugang zur Vielfalt religiöser Erfahrungen. Sein Werk gerät zu einer tiefschürfenden Kritik des medizinischen und anthropologischen Materialismus seiner wie unserer Zeit. Die Leugnung religiöser Erfahrungen wäre angesichts der Vielzahl von Berichten über alle Zeiten und Kulturen hinweg gänzlich unwissenschaftlich. Es wäre blinder Dogmatismus, wenn man den Wert religiöser Erfahrungen, ihre Bedeutung, auf organische Prozesse oder psychische Fehlhaltungen zurückführen würde. Im übrigen wäre dann auch die Geistesverfassung eines standhaften Atheisten aus biographischen und organischen Einflüssen herleitbar. Könnte es nicht sein, daß religiöse Erfahrungen tatsächlich von einem göttlichen Bewußtsein zeugen, das viel umfassender ist als unser Alltagsbewußtsein? „Es würde ein dogmatisches Nichtglauben an die Existenz irgendeines über dem normalen Menschengeist stehenden Bewußtseins bedeuten, und dies angesichts des höchst lebendigen seelischen Verkehrs von Menschen mit einem Ideal, das sich dem Gefühl aufdrängt, als ob es gleichfalls wirklich wäre (ich habe keinen solchen Verkehr - ich wollte, ich hätte ihn -, aber ich kann meine Augen nicht vor seiner Lebhaftigkeit bei anderen verschließen.)... Warum sollen wir nicht im Universum leben wie unsere Hunde und Katzen in unserem Wohn- und Arbeitszimmer?“[12]
Jenseits aller konfessionellen Bindungen trägt James ein breites Spektrum von religiösen Erfahrungen zusammen. Man kann zwei Typen von Menschen unterscheiden: Die ‚Einmalgeborenen’ und die ‚Zweimalgeborenen’. Der robuste Charakter des ‚Einmalgeborenen’ nimmt alle Schicksalsschläge mit unerschütterlichem Gleichmut hin. Ohne besonders aufgewühlt zu werden, tröstet er sich mit ungebrochenem Optimismus über schwierige Situationen hinweg. Er leidet nicht sonderlich, sein Selbstbewußtsein wankt kaum einmal und persönliche Krisen sind ihm unbekannt. Er glaubt an das Gute in der Welt und sieht den Kummer über das Leid als ein Übel an, das es zu überwinden gilt.
Während der robuste Charakter das Leben nur an der Oberfläche berührt, kostet der ‚Zweimalgeborene’ auch seine Tiefen bis zur Neige aus. Irgendwann in seinem Leben hat er die Brüchigkeit des eigenen Daseins schmerzhaft durchlitten. In einer tiefen Melancholie ist ihm die Welt sinnlos, zusammenhanglos und leer erschienen. Die kleinen Freuden des alltäglichen Lebens haben ihre Farbigkeit und ihren Reiz verloren. Die gewöhnlichen Sicherheiten erscheinen als trügerisch. Alles wirkt öde, grau und leblos. Das eigene Versagen, versäumte Gelegenheiten, Schuld und vergebliche Mühen türmen sich wie eine riesige Last auf.
Existenzkrisen erschüttern den fraglos hingenommenen Alltag. Sie können der Durchgang zu einer vertieften Weltsicht und Lebenserfahrung sein. Der Mensch muß erst die Verankerung im natürlichen Leben verlieren, um am geistigen teilnehmen zu können. Erinnern wir uns an James’ eigene Krise, die ihn in den Grenzbereich eines psychotischen Zusammenbruchs geführt hatte. James selbst hat diesen Einbruch nie als mystische Erfahrung verkannt. Trotzdem hatte er ihm eine religiöse Bedeutung beigelegt: Schlagartig und mit bezwingender Gewalt war ihm die Tiefendimension des menschlichen Bewußtseins aufgegangen. Seither öffnete er sich immer mehr der Frage nach jener, das persönliche Ich übersteigenden Dimension. Wenn er die Schilderungen anderer liest, klingen Seiten des eigenen Wesens mit an. Mit hoher Sensibilität arbeitet er die Entwicklungsmöglichkeiten heraus, die noch in extremen Krisen verborgen sein können. Zielsicher spürt er, wo ein Mensch einen neuen Lebensimpuls empfängt. An einen Atheisten schreibt James im Jahr 1904: „Ich habe keine lebendige Empfindung eines Verkehrs mit Gott. Ich beneide die, die eine solche haben, da ich weiß, daß sie mir unendlich helfen würde. Das Göttliche ist für mein aktives Leben auf abstrakte Begriffe beschränkt, die als Ideale mich interessieren und beeinflussen, aber sie tun es nur schwach im Vergleich mit dem Gottesgefühl, wenn ich ein solches hätte. Es ist nur ein Intensitätsunterschied, aber Intensitätsunterschiede können unser ganzes Energiezentrum verschieben. Immerhin... es ist etwas in mir, das antwortet, wenn ich von Äußerungen des Gottesbewußtseins bei anderen höre... Etwas sagt mir: dort liegt Wahrheit, und ich bin sicher, daß es sich nicht bloß um alte theistische Gewohnheiten und Kindheitsvorurteile handelt... Nennen sie dies, wenn Sie wollen, meinen mystischen Keim“[13].
Erst in den letzten fünf Jahren vor seinem Tod, so schildert James, habe er mehrmals das Gefühl einer mystischen Ausweitung des Selbst gehabt. Was geschieht nun in der religiösen Erfahrung? Es sei die Verlagerung des inneren Energiezentrums, eine Steigerung der Erlebnisintensität, sagte James. Die Evolutionstheorie regte James dazu an, religiöse Erfahrungen als qualitativen Sprung in eine neue psychische Gleichgewichtslage zu deuten. Einzelne Einflüsse sind vielleicht lange Zeit in der Stille unbewußt gereift. Andere Erfahrungen haben möglicherweise einen Schock ausgelöst. Neue Informationen haben allmählich die Blickrichtung verschoben. Plötzlich gewinnt das psychische System einen anderen Schwerpunkt, so daß der Mensch von einem höheren Energieniveau her lebt. Diese neue Struktur bleibt dauerhaft: „in einem Menschen (verlagert sich) das Zentrum seiner persönlichen Energie und neue Höhepunkte der Emotion (leuchten auf). ...die Phänomene... (gehen) teilweise auf explizit bewußte Prozesse des Denkens und Wollens zurück, aber weithin auch auf die unterbewußte ...Reife von Motiven, welche die Lebenserfahrung abgelagert hat. Zur Reife gelangt, schlüpfen die Ergebnisse aus oder stehen plötzlich in Blüte.“[14] „In ihr kippt der innere Mensch in eine völlig andere Gleichgewichtslage, lebt von der Zeit an in einem neuen Energiezentrum“.[15]
Religiöse Ziele, die zuvor nur am Rande des Bewußtseins waren, bilden von nun ab sein ständiges Zentrum. Andere Vorstellungen versinken im Hintergrund. Alle Werte und psychischen Kräfte werden neu um diesen Brennpunkt organisiert. Die Melancholie ist endgültig überwunden. Ein reifer religiöser Glaube ist von einem intensiven Glücksgefühl begleitet. In seltenen Momenten kann es in der mystischen Erfahrung noch überschritten werden. Die Person gewinnt ein höheres Maß an innerer Stabilität. Ihr Handeln wirkt einheitlicher, ausgeglichener, lebendiger. Bisher unerschlossene Kräfte werden wach. Die Fähigkeit, die Widersprüche der Wirklichkeit, ihre Härten und Unstimmigkeiten zu ertragen, wächst. Das Umkippen in eine neue innere Gleichgewichtslage führt zu völlig anderen Verhaltensweisen, ohne daß es noch einer Willensanstrengung bedürfte. „Wie ...eine höchste Liebe kleinere Opfer in Gewinn verwandeln kann, so kann ein höchstes Vertrauen gewöhnliche Sicherheiten verhaßt machen, und es kann in einer gewissen Glut generöser Erregung unaussprechlich niedrig erscheinen, sich noch an persönlichen Besitztümern festzuhalten.“[16]
Religionen, so sah schon William James, bringen leicht Exzentriker mit einem bis ins Krankhafte gesteigerten Verhalten hervor. Dies ist für James nicht die Folge der Religion, sondern der Persönlichkeitsstruktur insgesamt. Fanatismus, Selbstquälerei, Prüderie, Skrupulosität, Einfältigkeit oder missionarischer Eifer sind mit intellektueller Enge verbunden. Wenn die Balance der inneren Kräfte fehlt, kann die religiöse Erfahrung nicht angemessen verarbeitet werden. Nur ein freies Spiel von Gefühl, Denken und Willen führt zur geistigen Weite. „Starke Affektionen erfordern einen starken Willen; starke Kräfte zum Handeln gebrauchen einen starken Intellekt; ein starker Intellekt benötigt starke Sympathien, um das Leben stabil zu erhalten.“[17]
Über die Bedeutung von religiösen Erfahrungen sollten keine Dogmen entscheiden. Die Kriterien, die über den Wert religiöser Erfahrungen urteilen, müssen für James mit dem gesunden Menschenverstand übereinstimmen. Religiöse Erfahrungen müssen dem Einzelnen und der Entwicklung der Menschheit nutzen. Warum eigentlich sollte die Evolution mit dem Menschen plötzlich zum Stillstand kommen? Sollte der Mensch wirklich nur eine Sackgasse sein? Sind alle Möglichkeiten der Entwicklung, die in ihm schlummern, schon ausgeschöpft? ‚An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen’, ist der Leitgedanke des Pragmatismus. Einen Nutzen hat Religion nur dann, wenn sie die Entwicklungsmöglichkeiten der Menschheit fördert. „Dies ist nichts als die Anwendung des Grundsatzes von der Eliminierung des menschlich Unpassenden und des Überlebens des menschlich Passendsten auf religiöse Überzeugungen“.[18]
Aber welchen Wert können religiöse Tugenden schon für die Menschheit haben? Sind sie nicht eher, wie Friedrich Nietzsche sagt, Ausdruck von krankhafter Schwäche, von einer verlogenen, doppelbödigen ‚Sklavenmoral’? „Wenn man das Schwergewicht des Lebens nicht ins Leben, sondern ins ‚Jenseits’ verlegt..., so hat man dem Leben überhaupt das Schwergewicht genommen... Wozu Gemeinsinn, ...wozu mitarbeiten, zutrauen, irgendein Gesamtwohl fördern...? Das ‚Heil der Seele’- auf deutsch: ‚die Welt dreht sich um mich’... Das Gift der Lehre ‚gleiche Rechte für alle’ - ...das Christentum hat jedem Ehrfurchts- und Distanz-Gefühl zwischen Mensch und Mensch, das heißt der Voraussetzung... zu jedem Wachstum der Kultur einen Todkrieg... gemacht - es hat aus dem ressentiment der Massen sich seine Hauptwaffe geschmiedet gegen uns, ...gegen unser Glück auf Erden... das Bedürfnis nach Glauben ...ist ein Bedürfnis nach Schwäche. Der Mensch des Glaubens ist notwendig ein abhängiger Mensch... Erwägt man, ... wie der Zwang, in einem höheren Sinn die Sklaverei, die einzige und letzte Bedingung ist, unter der der willensschächere Mensch, zumal das Weib, gedeiht: so versteht man auch... den ‚Glauben’.“[19]
William James sieht die Dinge genau umgekehrt: Gerade Askese gilt den meisten als eine Haltung, die besonders anfällig ist für Überspanntheit und Exzeß. Jenseits aller Abirrungen drückt die Askese für James die Haltung des ‚Zweimalgeborenen’ aus. Er weiß, daß es in dieser Welt eine grundsätzliche Verkehrtheit gibt, für die er selbst anfällig ist und der er sich stellen muß. Es ist eher ein außergewöhnlicher Realitätssinn, der einen Menschen zum Verzicht auf Ehrungen, Reichtümer und Sicherungen führt. Als an Buddha ein Leichnam vorbeigetragen wurde, sah er blitzartig, daß dies früher oder später sein eigenes Schicksal sein würde. Er erkannte seine Sterblichkeit, die keine Macht der Welt würde verhindern können. Dies war der entscheidende Impuls, sich ganz der Suche nach der Lösung des Rätsels vom Leben zu weihen.
Im übrigen ist ein gewisser Verzicht auf Wohlstand auch eine soziale Tugend. Das Ideal materieller Armut führt zu einem Leben, das frei ist von dem Willen, Schwächere auszubeuten. Diese Einsicht, die William James 1902 niederschrieb, hat heute eine neue Aktualität erlangt. Die Angst vor einer Einbuße des Wohlstandes greift in der westlichen Welt um sich. Aber gerade fortschrittliche Wirtschaftskonzeptionen berufen sich auf asketische Ideale. Eine Einschränkung des Konsums ist um des Überlebens der Menschheit willen notwendig. Mit dem alten, mönchischen Ideal der Armut ist allerdings nicht nur Verzicht verbunden. „Die Freiheit von materiellen Bindungen, die unbestochene Seele, die männlichere Gleichgültigkeit, Lebensunterhalt durch das, was wir sind oder tun, nicht durch das, was wir haben“[20].
Auch im Streben nach Heiligkeit entdeckt James menschliche Qualitäten, die für das soziale Wohlergehen nötig sind. Die Heiligen vertrauen unbeirrbar auf den guten Keim jedes Menschen, unabhängig von den sozialen Etiketten. Sie sehen ihn im Armen und im Kranken ebenso wie im sozial Geächteten und sogar im Verbrecher. Sie blicken auf die Würde eines Menschen, ungeachtet seiner Vergangenheit; dadurch spornen sie ihn an, würdig zu sein. Sie vertrauen auf die Möglichkeit seiner inneren Wandlung. Und in der Tat ist ja die Entwicklung eines Menschen unvorhersehbar. Niemand weiß, was an verborgenen Möglichkeiten in ihm schlummert und irgendwann vielleicht ins Zentrum der Persönlichkeit rückt. „Unter diesem Gesichtspunkt können wir zugeben, daß die Menschenfreundlichkeit, die wir bei allen Heiligen finden,... eine in Wahrheit kreative soziale Kraft ist... ohne jenes Übervertrauen in die Würde des Menschen, das sie zeigen, würde der Rest von uns in geistlicher Stagnation liegen.... die allgemeine Funktion seiner Nächstenliebe in der sozialen Entwicklung ist lebenswichtig und wesentlich. Wenn die Dinge sich ständig aufwärts bewegen sollen, müssen einige bereit sein, den ersten Schritt zu tun und das Risiko zu tragen.“[21]
Heilige sind für James Fackelträger, die ihrer Zeit voraus sind. Dadurch erscheinen sie dieser wie seltsame Fremdlinge oder mißlungene Geschöpfe. Die Welt ist noch nicht da, wo sie sind. Trotzdem hinterlassen sie eine unauslöschliche Spur. Gerade weil sie an die gegenwärtige Welt schlecht angepaßt sind, sind sie das Ferment einer besseren Welt. Sie zeigen, was möglich wäre. Heute sind die Menschen weitgehend von kurzsichtigen, egoistischen Trieben beherrscht. Sie könnten aber zur friedlichen Gemeinschaft mit anderen heranreifen. Fordert es nicht viel mehr Stärke und Souveränität, den anderen gelten zu lassen, anstatt ihn zu demütigen, zu quälen und zu vernichten? „Schließlich bewahren ihn seine demütige Gesinnung und seine asketischen Tendenzen vor den kleinlichen persönlichen Prätentionen, die unseren normalen sozialen Verkehr behindern“[22].
Der Psychologe in William James erkannte, daß verschiedene Charaktere unterschiedliche Ausgangspunkte für ihre religiöse Entwicklung haben. Da die Anlagen der Menschen breit gestreut sind, gibt es ein ganzes Spektrum religiöser Haltungen und Erfahrungen. Sie sind sinnvoll, weil jeweils andere Gemüts- und Verstandesbedürfnisse befriedigt werden müssen. „Sind sie in ihren inneren Bedürfnissen so gleich, daß für Harte und Weiche, für Stolze und Demütige, für Strebsame und Faule, für kräftig Gesonnene und Verzweifelnde genau dieselben Arten religiösen Ansporns erforderlich sind? Oder sind im Organismus der Menschheit mit verschiedenen Typen des Menschen verschiedene Funktionen verbunden, so daß einige besser für eine Religion der Bestätigung sind, während andere besser sind für eine des Schreckens und des Tadels?“[23]
Auch nach dem Umkippen in eine neue Gleichgewichtslage leben verschiedene Menschen von unterschiedlichen Energieniveaus. Was für den einen das Äußerste ist, das möglich ist, ist für den anderen erst der Beginn. Jeder hat sein eigenes Maß der Vollkommenheit. Auch in der Religion sieht James einen Pluralismus der Wege, Sichtweisen und Lebensintensitäten. Die Toleranz gegenüber der Vielfalt religiöser Erfahrungen ist allerdings keine bequeme Beliebigkeit. Religion kann für James kein abgeschlossenes Gebäude von Lehrsätzen und Dogmen sein. Sie ist Ausdruck des unaufhörlichen Ringens der Menschen um Wahrheit, das zu einer ständigen Vertiefung der Einsicht führen kann. Alle Erkenntnis ist eine Annäherung an die Wahrheit von verschiedenen Seiten; sie ist ein unabschließbarer Prozeß: „die eigene Offenheit für Korrekturen zuzugeben ist eine Sache, sich dem Meer zügellosen Zweifels zu überlassen eine andere... Wenn weitere Bereiche der Wahrheit sich öffnen, ist es gewiß das beste, wenn wir fähig sind, uns selbst für ihre Annahme zu öffnen, unbehindert durch unsere früheren Ansprüche... Ich bin in der Tat der Überzeugung, daß weder wir noch irgendein anderer sterblicher Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt absolut nicht korrigierbare und nicht verbesserbare Wahrheit über solche Tatbestände gewinnen können, wie es die sind, mit der sich die Religionen beschäftigen... Ich bin kein Liebhaber von Unordnung und Zweifel an sich. Vielmehr fürchte ich, die Wahrheit durch diesen Anspruch, sie schon ganz zu besitzen, zu verlieren.“[24]
Theologische Gedankengebäude sind nur Hilfsmittel, um religiöse Erfahrungen zu beschreiben. Den Urquell aller Religion sieht James in der mystischen Erfahrung des Göttlichen. Alle Religionsstifter schöpften ihre Weisheit aus der lebendigen Verbundenheit mit einem größeren Bewußtsein. In der mystischen Erfahrung werden die Grenzen des Verstandes in einem zeitlosen Augenblick überstiegen. Man kann nur noch in Gleichnissen, Symbolen oder Parabeln darüber sprechen. Hier muß der Verstand schweigen. Unverzichtbar ist er für die kritische Analyse der religiösen Erfahrung, für die Interpretation, den Vergleich, den Austausch mit anderen und für das stille Selbstgespräch.
Philosophie und Theologie hätten als Wissenschaft der Religionen eine weites Arbeitsfeld. Dies gilt heute noch mehr als zur Zeit von James: Die Entfernungen sind durch die Medien, durch Reisen und Arbeitsbedingungen zusammengeschrumpft. Es gibt immer mehr Übersetzungen der heiligen Schriften und der Weisheitsbücher anderer Religionen. Außerdem hat das Bedürfnis, sich selbst zu orientieren, in den letzten Jahren stark zugenommen.
Dennoch kann die Wissenschaft die lebendige Erfahrung nicht ersetzen. Wer seine Religiosität auf Gedankengebäude oder Dogmen stützt, lebt für James nur aus zweiter Hand. Er gleicht jemandem, der die Speisekarte studiert, ohne je etwas davon zu essen. Genauso unbefriedigend bliebe es, anstatt der Worte nur eine Rosine auf die Speisekarte zu kleben. Die mystische Erfahrung wäre ohne den Versuch, sie in Begriffe zu fassen, unvollständig. „Das Wissen über eine Sache ist nicht die Sache selbst. ...die Ursachen von Trunkenheit zu verstehen, (ist) nicht dasselbe, wie betrunken zu sein.“[25]
Über den Nutzen hinaus müssen religiöse Erfahrungen auch wahr sein: Seit seiner eigenen Existenzkrise hatte sich James mit dem menschlichen Bewußtsein beschäftigt. Es ist viel weiter als das, was uns davon bewußt ist. Unser normales, waches Bewußtsein ist nur ein besonderer Typ von verschiedenen möglichen Bewußtseinszuständen. Das bewußte Ich ist nur durch eine dünne Wand von einem viel größeren unbewußten Bereich getrennt. „Das unterbewußte Selbst ist heutzutage eine gut beglaubigte psychologische Entität... Abgesehen von allen religiösen Überlegungen gibt es wirklich und buchstäblich im Ganzen unserer Seele mehr Leben, als uns zu irgendeiner Zeit bewußt ist.“[26]
Das bewußte Ich nimmt nur einen engen Ausschnitt der Wirklichkeit wahr. Wirklichkeit ist tiefer und reicher als wir gewöhnlich denken. Der gemeinsame Kern in der Vielfalt religiöser Erfahrungen liegt darin, daß alle von einer Wirklichkeit jenseits des individuellen Bewußtseins berichten. Lediglich die Interpretationen dieser Wirklichkeit unterscheiden sich. Man mag sie ‚Gott’, ‚Nirwana’ oder ‚Brahman’ nennen. Es handelt sich um ein schier grenzenloses ‚Meer des Bewußtseins’, an dem das individuelle Bewußtsein teilhat.
Das unbewußte Selbst des Menschen bildet die Brücke zwischen jenem ‚Meer des Bewußtseins’ und dem bewußten Ich. Religiöse Erfahrungen entstehen für James, wenn aus diesem ‚Meer des Bewußtseins’ in seltenen Augenblicken Einflüsse in das individuelle Bewußtsein hineinströmen. Das kosmische Bewußtsein ist die Quelle der mystischen Erfahrungen. Die lebendige Berührung mit ihm hebt das individuelle Bewußtsein auf ein höheres Niveau. Es vermittelt das Gefühl der Rettung, des Vertrauens und des Friedens. Die Welt erscheint unter einem umfassenderen Gesichtspunkt, wie wenn man sie durch ein weiteres Fenster betrachtet.
Das kosmische Bewußtsein ist nicht nur eine religiöse Wahnvorstellung, nicht nur eine Projektion von Kindheitssehnsüchten nach Geborgenheit oder von narzißtischen Störungen. Für James ist es ebenso wirklich wie die Welt des Alltags. Es ist das unerschöpfliche Reservoir unserer Ideale. Es bringt reale Wirkungen hervor, indem es unser Handeln bestimmt. Durch die Verwandlung unseres Verhaltens wirkt es wiederum auf die alltägliche Welt ein: „(wir haben) in der Tatsache, daß der Mensch... in Kontinuität mit einem weiteren Selbst steht, von dem Erfahrungen der Rettung ausgehen, einen positiven Inhalt von religiöser Erfahrung, der, wie mir scheint, in seinem ganzen Umfang buchstäblich und objektiv wahr ist.“[27]
Dieses göttliche Selbst ist für James eine Wirklichkeit jenseits der individuellen Bewußtseinszentren. Es garantiert eine ideale Ordnung in der Welt. Und es verbindet die zahllosen vereinzelten Bewußtseinszentren untereinander. „Wir sind mit unserem individuellen Leben wie Inseln in der See, oder wie Bäume im Wald. Der Ahorn oder die Pinie können sich mit ihren Blättern zuwispern... aber ebenso sind die Bäume mit ihren Wurzeln in der Dunkelheit unter der Erde verbunden und die Inseln hängen auch durch den Meeresboden untereinander zusammen. Ebenso gibt es ein Kontinuum von kosmischem Bewußtsein, gegen das unsere Individualität nur einen zufälligen Damm bildet und in die unser individueller Geist wie in ...ein Reservoir eintaucht. Unser ‚normales’ Bewußtsein ist so umgrenzt, daß es sich unserer äußeren irdischen Umgebung anpassen kann, aber der Damm ist an einigen Stellen schwach und passende Einflüsse von jenseits dringen ein und weisen so auf die sonst nicht verifizierbare gemeinsame Verbundenheit hin.“[28]
In dem französischen Philosophen Henri Bergson entdeckte James einen verwandten Geist und begann mit ihm im Dezember 1902 eine Korrespondenz[29]. James wurde immer mehr mit akademischen Ehren überhäuft, denen er selbst immer weniger Bedeutung beimaß. Seit 1903 zog er sich vom Getriebe des akademischen Lebens mehr und mehr zurück. Das Streben nach ‚Simplification’, nach Vereinfachung des Lebens, trat zunehmend in den Mittelpunkt. Durch die körperliche Anfälligkeit wurde James gezwungen, sich immer stärker auf das zu konzentrieren, was ihm wesentlich war. Sein Werk hatte schon in den letzten Jahren ein hohes Maß an innerer Disziplin gefordert. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem er spürte, daß er immer schärfer unterscheiden mußte zwischen dem, was sein innerstes Anliegen war und dem, worauf er verzichten konnte. So rundete sich sein Werk in den letzten Lebensjahren. Sein Schreibstil ist ausgefeilt; man spürt, daß die Gedanken ausgereift sind, so daß sie den Leser unmittelbar ansprechen. Die Sprache erlangt jene kristalline Klarheit und Lebendigkeit, die zeigt, wie tief manche Fragen durchdrungen wurden. Frei von persönlichen Eitelkeiten, Geltungsstreben und Profilierungsgebaren stellen sich die Gedanken rein dar. Durch die Vereinfachung des eigenen Lebens gewann auch das, was James an Bleibendem zu sagen hatte, immer klarere Konturen.
Im Jahr 1905 führt James das Bedürfnis nach Erholung noch einmal nach Europa. Er besucht Athen und wohnt in Rom dem internationalen Psychologenkongreß bei. 1907 erscheint ein weiteres Werk mit dem Titel ‚Der Pragmatismus’. Im selben Jahr reicht James seine Entlassung an der Harvard Universität ein. Im Sommer 1908 hält James in Oxford die Hibbert-Lectures, die ein Jahr später als Buch mit dem Titel ‚Das pluralistische Universum’ erscheinen. Aufmerksam verfolgt er die Gedanken von Freud und Jung. Jung selbst schöpfte etliche Anregungen aus den Studien von James’ Werk. Freuds Traumtheorien und seinen Symbolismus hielt James für eine gefährliche Verengung.
Im Frühjahr 1910 reiste James noch einmal mit seiner Familie nach Bad Nauheim zur Erholung. Trotzdem verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Wenige Wochen nach der Rückkehr nach Amerika starb James am 26.August 1910.
Der Lebensweg von William James zeigt beispielhaft die Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaften. Diese beschreiben Erfahrungen mit der Wirklichkeit. Indem James genau dies tut, gelangt er an die Grenzen der Naturwissenschaft. Die Wissenschaft erfaßt die Welt, ohne die mannigfaltigen Gefühle und inneren Erfahrungen der Menschen zu berücksichtigen. Dabei berichten auch diese Erfahrungen überzeugend von bestimmten Aspekten der Wirklichkeit. Die ‚Achse der Realität[30]’ läuft mitten durch die Individuen hindurch. Indem James allerdings wie die Naturwissenschaften an Erfahrungen orientiert vorgeht, bahnt er einen neuen Weg zur Auseinandersetzung mit Religion jenseits von konfessionellen Grenzen: „der Gesamtausdruck der menschlichen Erfahrung, wie ich sie objektiv sehe, zwingt mich unwiderstehlich über die engen Grenzen der ‚Wissenschaft’ hinaus. Ganz gewiß ist die reale Welt von anderer Art - verwickelter gebaut, als die Naturwissenschaft erlaubt.“[31]
[1]G.E.Myers: William James. His Life and Thought, New Haven/ London 1986.
[2]Panaitios, in: W.Rüegg (Hg.): Stoa und Stoiker. Die Gründer: Panaitios und Poseidonios, Zürich/ Stuttgart 1950, 237-242.
[3]Marc Aurel: Wege zu sich selbst, Darmstadt 19843, 145.
[4]G.W.Leibniz: Monadologie § 57, in: Philosophische Schriften 1. Kleine Schriften zur Metaphysik, (Hg.: H.-H. Holz), Frankfurt/M. 19862, 465.
[5]W.James: Der Pragmatismus. Ein neuer Name für alte Denkmethoden, (Hg.: K.Oehler; Übers.: W.Jerusalem), Hamburg 1977, 1f.
[6]W.R.Corti (Ed.): The Philosophy of William James, Hamburg 1976.
[7]W.James: A Pluralistic Universe, (Ed.: F.Burkhardt; F.Bowers), (Übers.: R.Kather), Cambridge/Massachusetts; London 1977, 117.
[8]P.Bieri: Was macht Bewußtsein zu einem Rätsel? in: Spektrum der Wissenschaft, 10 - 1992 (48-56). - G.Stent: Die Autonomie des Menschen. Komplexität und Komplementarität des Geistes, in: E.P.Fischer (Hg.): Neue Horizonte 92/93. Ein Forum der Naturwissenschaften, München/ Zürich 1993, 59-80.
[9]Zit. in: J.Linschoten: Auf dem Weg zu einer phänomenologischen Psychologie. Die Psychologie von William James, Berlin 1961, 9f.
[10]Zit. in: C.Stumpf: William James nach seinen Briefen. Leben, Charakter, Lehre, Berlin 1928, 30.
[11]Zit.in: J.Linschoten: op.cit. 19.
[12]Zit.in: C.Stumpf: op.cit. 33.
[13]Zit.in: C.Stumpf: op.cit. 17.
[14]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 222.
[15]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 304.
[16]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 308.
[17]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 323.
[18]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 314.
[19]F.Nietzsche: Der Antichrist, in: Werke Bd.III, (Hg.: K.Schlechta), Frankfurt/M./ Berlin/ Wien 1979, 651; 667.
[20]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 348.
[21]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 338f.
[22]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 350.
[23]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 316f.
[24]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 315-317.
[25]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 451.
[26]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 466f.
[27]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 469.
[28]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 504.
[29]Henri Bergson: Über den Pragmatismus von William James. Wahrheit und Wirklichkeit, in: Denken und schöpferisches Werden. Aufsätze und Vorträge, Meisenheim/ Glan 1948, 234-245.
[30]Vgl. W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 458.
[31]W.James: Die Vielfalt..., op.cit. 473.